Schwangerschaftsabbruch

Schwangerschaftsabbruch

Dieser Artikel dient der wertfreien Aufklärung und öffentlichen Informationsweitergabe . Er beinhaltet weder Werbung noch eine subjektive Stellungnahme.


Schon traurig, dass mein erster Gedanke beim Aufgreifen dieses Themas folgender ist:

Erst einmal muss ich mich schützen.

Ein sensibles Thema. Ein moralisches Thema. Ein ethisches Thema. Ein kontroverses Thema.

Jeder kann seine Meinung und seine Überzeugung diesbezüglich haben. Aber dafür ist in diesem Artikel kein Platz. Hier geht es um Informationen.

Ein Tabu Thema

Aber gerade solche Themen benötigen mehr Präsenz. Vor allem mehr valide und fundierte Präsenz in den öffentlichen Medien.

Ist es für ärztliche Kollegen schon ein Spießrutenlauf, weiß die Betroffenen oft gar nicht mehr an wen oder was sie sich wenden soll, darf und kann.

Möchte man sich informieren, wird es noch schwieriger, denn "werben" dürfen Ärzte mit diesem Thema nicht. Jüngst wurde eine Kollegin verurteilt, die auf ihrer Website den Schwangerschaftsabbruch unter ihren angebotenen Leistungen aufgeführt hat. Auch diese Information beinhaltete weder Werbung noch Wertung. Es war lediglich eine Information.

Selbst die telefonische Auskunft der Praxis, dass man Patientinnen über dieses Thema in einem persönlichen Gespräch informiert und aufklärt gehört zur juristischen Grauzone.

Wie kann und soll man also als Ärztin/ Arzt seinen Patientinnen helfen, wenn juristische Schritte drohen können?

Wie soll man sich als Patientin informieren, wenn einem der professionelle Zugang zu dieser Thematik erschwert wird?


Kurz zur Definition und den Synonymen

Ein Schwangerschaftsabbruch wird auch Abruptio oder Interruptio genannt.

Im Volksmund auch Abtreibung.

Der Schwangerschaftsabbruch ist laut Definition die gezielte Beendigung einer Schwangerschaft.


Rechtlich

Der Schwangerschaftsabbruch ist ein juristisch komplexes Thema, das im Strafgesetzbuch (§§ 218–219 b) geregelt ist und grundsätzlich rechtswidrig und mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet werden kann. Dies gilt nicht nur für Ärzte, sondern auch für die Eltern.

Es gibt für Mütter und Ärzte die Möglichkeit straffrei zu bleiben, wenn einige Voraussetzungen gegeben sind, die wir gleich zum Teil beleuchten.


Gründe (Indikationen)

Es gibt im Prinzip drei Gründe oder Indikationen für einen Schwangerschaftsabbruch.


  1. Abbruch ohne Indikation, Wunsch der Schwangeren (§ 218a Abs. 1 StGB „Beratungsregelung“)

  2. Medizinische Indikation (§ 218a Abs. 2 StGB)

  3. Kriminologische Indikation (§ 218a Abs. 3 StGB)


Wir besprechen hier aufgrund der Komplexität zunächst den Fall 1:"Wunsch der Schwangeren nach Beendigung der Schwangerschaft"


prozedere

Wir haben gelernt, dass ein Schwangerschaftsabbruch nach § 218 StGB grundsätzlich rechtswidrig ist. Der Tatbestand des § 218 ist jedoch nicht verwirklicht, wenn folgende Voraussetzungen genau erfüllt werden:


Die Schwangere verlangt den Schwangerschaftsabbruch.

Und nur die Schwangere. Keine dritte Person (solange keine Verfügung vorliegt) darf diese Entscheidung für die Schwangere treffen.


Die Schwangere kann nachweisen, dass sie sich mindestens drei Tage vor dem Eingriff von einer Schwangerschaftskonfliktberatung hat beraten lassen (nach § 219 StGB)

Hier gibt es genaue gesetzliche Vorgaben zur Beratung (egal welche Trägerschaft)

Es wird über öffentliche und private Hilfen für Schwangere, Mütter und Kinder informiert, die die Fortsetzung der Schwangerschaft erlauben.

Es werden Informationen über die Auswirkungen der Geburt oder des Abbruchs auf das Leben der Frau, des Partners bzw. der Partnerschaft offen gelegt.

Es erfolgt ein eingehendes Gespräch über die Gründe, weshalb ein SS-Abbruch erwogen wird. Diese Beratung ist obligat!


Beratungsdatum

Zwischen Beratung und Schwangerschaftsabbruch müssen mindestens 3 Tage liegen (d. h. Abbruch frühestens am 4. Tag nach der Beratung).


Der Abbruch wird von einer Ärztin/ Arzt vorgenommen

Ein selbst oder durch Dritte durchgeführter Abbruch ist strafbar!


Seit der Empfängnis sind nicht mehr als 12 Wochen vergangen

Innerhalb der ersten 12 Wochen post conceptionem, d. h. bis zur 14. SSW nach dem ersten Tag der letzten Regelblutung. Auch hier gibt es kein Spielraum! Das Zeitfenster muss in Deutschland eingehalten werden.


Es gibt also eine Vielzahl an Voraussetzungen, die penibel genau eingehalten werden müssen um juristische Folgen zu vermeiden.


Kosten

Was ist mit den Kosten? Wer muss für den Schwangerschaftsabbruch zahlen?


Es besteht grundsätzlich kein Anspruch auf Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse, soweit sich diese unmittelbar auf den Schwangerschaftsabbruch beziehen.

Ausgenommen sind ärztliche Beratung vor dem Eingriff, ärztliche Leistungen und Medikamente vor und nach dem Eingriff, bei denen der Schutz der Gesundheit im Vordergrund steht (z. B. Anti-D-Gabe) oder zum Beispiel Behandlung von Komplikationen


Hat eine Frau nur ein geringes oder gar kein Einkommen und auch kein kurzfristig verwertbares Vermögen, hat sie unter bestimmten Bedingungen einen Anspruch auf die Übernahme der Kosten für den Abbruch. Dies ist unabhängig von ihrem Krankenversicherungsstatus. Die Einkommensgrenze  liegt bei monatlich 1216 Euro (Stand Juli 2019).

Die Krankenkasse stellt eine Bescheinigung über die Kostenübernahme aus und übernimmt die finanzielle Abwicklung.


Wichtig ist, dass die Kostenübernahme vor dem Schwangerschaftsabbruch bei einer gesetzlichen Krankenkasse beantragt werden muss, denn rückwirkend werden keine Kosten übernommen. Die Bescheinigung über die Kostenübernahme erhält die Einrichtung, bei der der Abbruch vorgenommen wird.


Welche Ärzte machen Schwangerschaftsabbrüche?

Prinzipiell muss keine Ärztin oder Arzt an einem Schwangerschaftsabbruch mitwirken oder diesen durchführen. Dies ist im so genannten Weigerungsrecht (§ 12 SchKG) verankert.

Einige Ärzte führen diesen Eingriff jedoch durch. Da es uns Ärzten untersagt ist die Leistung "Schwangerschaftsabbruch" publik zu machen ist es für die hilfesuchende Patientin logischerweise schwierig eine Anlaufstelle zu finden. Diesem Dilemma wurde versucht politisch entgegenzuwirken.

Der Deutsche Bundestag hat ein neues Gesetz zur Verbesserung der Information über einen Schwangerschaftsabbruch am 21.02.2019 beschlossen.

Mit einen offiziellen Liste von Ärzten und Einrichtungen, welche Schwangerschaftsabbrüche durchführen, will der Gesetzgeber Frauen eine Anlaufstelle bieten, ohne dass sich Ärztin oder Arzt juristisch anfällig machen. Die Eintragung in diese Liste ist freiwillig.


Wie erfolgt ein Schwangerschaftsabbruch?

Es gibt die medikamentöse und operative Variante:

Etwa 17,6% der Abbrüche in Deutschland werden medikamentös durchgeführt. In Deutschland ist eine medikamentöse Abtreibung mit dem Wirkstoff Mifepriston bis zum 63. Tag nach dem ersten Tag der letzten Menstruation zulässig. Mifepriston hemmt die Wirkung des Gelbkörperhormons. Zusätzlich erhält die Frau 48 Stunden nach der Einnahme von Mifepriston s.g. Prostaglandine (als Zäpfchen oder Tabletten). Dieses Medikament löst Wehen aus und führt so zur gezielten Fehlgeburt.


68,0% der SS-Abbrüche werden operativ mittels Vakuumaspiration (Saugkürretage/ Ausschabung) durchgeführt.

Der operative Abbruch der Schwangerschaft erfolgt öfter in Vollnarkose, seltener unter örtlicher Betäubung. Die meist verwendete Methode ist die Saugkürettage: Dabei werden Gebärmutterschleimhaut und Embryo über ein Röhrchen abgesaugt. Alternativ kann man mittels gynäkologischer Instrumente die Schwangerschaft und Schleimhaut ausschaben.


Sowohl medikamentöse als auch operative Methoden haben ihre Vor- und Nachteile, die ihr mit euren Ärzten besprechen solltet.


Abschließend bleibt festzuhalten

Nicht nur wegen der möglichen juristischen Folgen, sondern auch aufgrund der emotional- ethischen Brisanz dieses Themas ist der seriöse Informationsfluss eingeschränkt.

Dies führt zu weiteren Distanzierung von diesem Thema.

Dies führt zu weiterer Verunsicherung von ärztlichen Kolleginnen und Kollegen.

Und vor allem führt dies zu ungenügend aufgeklärten und betreuten Patientinnen.

Das Thema Schwangerschaftsabbruch ist Thema.


Ich hoffe mit dieser Zusammenstellung ein wenig für Klarheit gesorgt zu haben.





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© 2020 Dr. med. Konstantin Wagner